Im Juni begannen EU-Beitrittsverhandlungen der Ukraine und Moldawiens. Die Anträge stellten sie 2022. Ein langwieriger Aufnahmeprozess soll die „EU-Kompatibilität“ von Beitrittskandidaten herstellen. Er kann Jahre und Jahrzehnte dauern. Nach jeder wichtigen Etappe bedarf der Fortgang der Zustimmung aller EU-Mitglieder. Orbans Veto hatte Kiews Beitrittsverhandlungen bisher blockiert. Sein Nachfolger Magyar rang Selenskyj ein Abkommen zur Sicherung von Rechten der ungarischen Minderheit ab. Im Gegenzug fiel Ungarns Veto. Der EU-Apparat jubelte. Den EU-Oberen, die im letzten Jahrzehnt ans Ruder kamen, kann die Osterweiterung nicht schnell genug gehen. Sie bangen um ihre „kontinentale“ Hegemonie.
Sigmar Gabriel prangerte 2017, damals BRD-Außenminister, China an:
Es spalte die EU, da Länder Mittel- und Osteuropas sowie Italien an der Belt + Road
Initiative teilnahmen. Außenministerin Baerbock drängte 2024 auf eine „schnellere
Beitrittsperspektive für die Westbalkanstaaten“. Begründung: „Auf dem Balkan
darf keine Nische entstehen, in der sich Russland oder andere Akteure
festsetzen.“ Laut Karls-Preis-Rede Ursula von der Leyens 2025 sind wir im
historischen Moment der „Wiedervereinigung Europas“: Der EU-Beitritt sei ein
Prozess. „Doch ich bin davon überzeugt, dass die Geschichte uns jetzt ruft.
Genau wie damals, 1989, als der Wind des Wandels Europa erfasste.“ Heute bläst
der „Wind des Wandels“ den EU-Oberen ins Gesicht.
Nach Wadephuls Antrittsreise durch die Westbalkanländer hieß
es, das „größte Sorgenkind“ sei Serbien. „Denn die Nähe zu Russland und China
wächst in dem Land. Nur noch 38 Prozent der Serben finden einen EU-Beitritt
sinnvoll“ (tagesschau.de 17.11.2025). Georgien gilt schon als „verloren“,
obwohl das Land weiterhin den EU-Beitritt anstrebt. Ursula von der Leyen wollte
die Ukraine im „beschleunigten Verfahren“ aufnehmen. Ungarn und die anderen
EU-Länder bremsten. Die Ukraine sei weit entfernt, die Beitrittskriterien zu
erfüllen: wegen Korruption, hoher Schulden, mangelnder Rechtsstaatlichkeit, Kriegszustand,
ungeklärtem Grenzverlauf, u.a.
Die moldawische Präsidentin Maja Sandu will, dass die
„Europäer“ in Verhandlungen mit Moskau den Abzug der russischen Soldaten aus
Transnistrien durchsetzen. Bahn frei für die ungehemmte Ostexpansion! So hätte die
Dividende von Kiews „Siegfrieden“ aussehen können, aber wer glaubt – jenseits
der Propaganda – noch an Kiews Sieg? Die wichtige Festung Konstantinowka fiel
gerade an die Russen. Die Bereitschaft der EU-Länder zur Kriegsunterstützung bröckelt.
In dieser oder jener Form zeigten dies vor der NATO-Tagung in Ankara die
Slowakei, Polen, Italien, Bulgarien. Donald Tusk will Polens eigene Rolle für
die Sicherung der Ostgrenzen bei der Verteilung der Ukraineunterstützung
berücksichtigt sehen.
Selenskyj wiederum provoziert. Er steigert den Kult um Bandera,
um UPA und OUN, lässt die Gebeine von Holocaust-Mittätern überführen, plant ein
Pantheon für Nazi-Kollaborateure, unter ihnen die Schlächter von Juden, Polen
und Rotarmisten. Selenskyjs Regime stützt sich auf Rechtsextreme, die er für den
Krieg braucht und bei Laune halten muss. Der polnische Verteidigungsminister
Władysław Kosiniak-Kamysz warnt, die Heroisierung von Persönlichkeiten der OUN
und der UPA könne ein ernsthaftes Hindernis für den Beitritt der Ukraine zur EU
sein. Ministerpräsident Nawrocki entzog Selenskyj den höchsten polnischen Orden.
Nawrockis Beliebtheitswerte stiegen danach sprunghaft, sicher auch unter den polnischen
Bauern, die 2024 gegen die zollfreie Einfuhr ukrainischer Agrarprodukte protestierten.
Wie die Ukraine nach dem Krieg aussehen wird und wie lange ihr
„Beitrittsprozess“ sich hinziehen wird, weiß niemand. Klar ist, dass die bereits
überdehnte EU dank Militarisierung, Sozialabbau und kulturellem Verfall weiter
an Integrationskraft verliert.
Die Kolumne von Beate Landefeld erschien zuerst in Unsere Zeit vom 10. Juli 2026

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